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Artikel vom 26.10.2018:

Glückliche Streichung der Steuerersparnis

Wer fürs Alter vorsorgen will, muss neben breiter Streuung, hoher Rendite und niedrigen Kosten auch die steuerliche Behandlung seiner Erträge berücksichtigen. Dabei ist die Versuchung groß, auf der Jagd nach dem maximalen Steuervorteil den Blick auf die Nettorendite zu verlieren.

Als in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von manchen noch beteuert wurde, die Rente sei sicher, brachte die öffentliche Debatte die Notwendigkeit einer ergänzenden privaten Vorsorge ins Bewusstsein. Der Begriff der Versorgungslücke entstand und bezeichnet seitdem die Differenz zwischen erwarteten Einnahmen und Ausgaben im Alter. Wer in seinem zukünftigen Lebensabend keine finanziellen Einschränkungen akzeptieren wollte, war motiviert, den Konsum in der Gegenwart etwas einzuschränken, und informierte sich bei Banken und Versicherungen über Alternativen zum Sparstrumpf unter dem Kopfkissen.

Auf dem Weg zur erfolgreichen langfristigen Anlage musste man noch den Zinseszinseffekt als seinen besten Freund und die Inflation als seinen ärgsten Feind verstehen. Mit Blick auf die Vergangenheit versprachen Aktien und Aktienfonds als Investition in Sachanlagen die beste langfristige Rendite und größte Flexibilität. Kurzfristige Schwankungen der Kurswerte wurden meist innerhalb weniger Jahre ausgeglichen, und die breite Streuung über viele Firmen verminderte das Risiko einzelner Pleiten. Wer die Anlage nüchtern langfristig betrachtete und sich nicht von Angst und Gier leiten ließ, überstand das Platzen der Dotcom-Blase in den Jahren 2000-2002 ebenso wie die Hypotheken-Krise 2008 weitgehend schadlos.

Depotsimulation

Ende 2008 drohte durch die Reform des Investmentsteuergesetzes Ungemach: Bis dahin waren alle Kursgewinne aus Aktien und Aktienfonds nach Ablauf der einjährigen „Spekulationsfrist“ steuerfrei. Kursgewinne aus Anteilen, die ab 2009 erworben wurden, sollten unabhängig von ihrer Haltedauer mit der Kapitalertragsteuer (plus Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer) versteuert werden. Für den langfristigen Anleger, der die Aufforderung zur privaten Vorsorge aufgegriffen hatte, war das ein Schlag ins Gesicht: Dank der langen Ansparphase und des Zinseszinseffekts würde sein voraussichtliches Vermögen bei Renteneintritt hauptsächlich aus Kursgewinnen bestehen. So hatte er z.B. mit einer monatlichen Sparrate von 400 Euro über 40 Jahre bei einer Zielrendite von 7,2% p.a. kalkuliert; damit sollten aus insgesamt investierten 192.000 Euro zum Renteneintritt nominal 1.009.000 Euro werden. Bei einer erwarteten Inflation von durchschnittlich 2% wären das immerhin noch real 457.000 Euro nach anfänglicher Kaufkraft bzw. bei 3% Inflation noch real 309.000 Euro.

Investitionsplan

Durch die Änderung des Steuergesetzes würde die erhoffte Million um 215.000 Euro reduziert. Um diesen Effekt abzumildern, wollte der vorsorgende Anleger zumindest das bis dato angesparte Vermögen vor dem Stichtag Ende 2008 in breit streuende seriöse Fonds umschichten, die weiterhin steuerfrei bleiben sollten. Die gewohnte Flexibilität war damit verloren, und die Auswahl der passenden Fonds bereitete trotz ausführlicher Verkaufsprospekte und intensiv studierter Glaskugel einige Schweißperlen angesichts der langen Haltedauer über Jahrzehnte. Sollte sich später einer der Fonds als Flop erweisen, ginge bei einem Tausch in einen anderen Fonds der Steuervorteil unwiederbringlich verloren. Im Lauf der nächsten Jahre wurden die gewählten Titel also eisern gehalten und durch neue Investitionen ergänzt. Als die börsengehandelten Indexfonds ETF als kostengünstige Alternative zu aktiv gemanagten Fonds bekannter wurden, ärgerte sich mancher Anleger, dies 2008 noch nicht berücksichtigt zu haben. Der Steuervorteil der Altfonds schien den Kostenvorteil der ETF aber meist zu überwiegen.

Und dann kam Ende 2017 die nächste Reform des Investmentsteuergesetzes: Das sogenannte Steuerprivileg der vor 2009 erworbenen Altfonds sollte entfallen. Das bis dahin angewandte Prinzip des Vertrauensschutzes wurde durch einen persönlichen Freibetrag von 100.000 Euro pro Anleger für Kursgewinne ab 2018 ersetzt. Das klang nach viel, und es klang für viele nach einer längst überfälligen Abschaffung eines Privilegs für wenige Reiche, während der „normale Bürger“ seinen Riesterfonds bespart und sich über die niedrige Rendite ärgert. Aber ein Betrag von 100.000 Euro ist in der langfristigen Altersvorsorge schnell erreicht, z.B. bei 400 Euro monatlich und 7,2% Rendite nach gut 13 Jahren. Und da sich das Kapital bei dieser Rendite in 10 Jahren verdoppelt, ist der Freibetrag nach 10 Jahren aufgebraucht, und die ursprünglich erhoffte Million zum Renteneintritt reduziert sich um weitere Steuerzahlungen.

Also wurde der steuerscheue Anleger Ende 2017 wieder aktiv und bewertete sein Depot neu: Welche Fonds haben sich bisher als gute Wahl erwiesen? Welche passen nicht mehr zur aktuellen Anlagestrategie? Und welche haben zu hohe Verwaltungskosten im Vergleich mit inzwischen verfügbaren ETF? So wurden wieder einige Fonds verkauft, um den noch verbliebenen Steuervorteil durch den persönlichen Freibetrag optimal zu nutzen, und manche Fondsanteile wurden vielleicht im Familienkreis verschenkt, um die Freibeträge aller Familienmitglieder einzubinden.

Vergleichen wir beispielsweise einen Altfonds mit hohen Verwaltungskosten von 1,40% p.a. mit einem neu erworbenen ETF mit niedrigen Kosten von 0,20% p.a. Nehmen wir an, dass der Anlageerfolg beider Fonds identisch ist, dass beide Fonds aufgrund ihres überwiegenden Aktienanteils eine Teilfreistellung von 30% erhalten, und dass die restlichen Erträge mit der Kapitalertragsteuer plus Solidaritätszuschlag ohne Kirchensteuer versteuert werden. Dann zeigt die Kalkulation, dass der Steuervorteil des Altfonds gegenüber dem ETF umso größer ist, je höher die Marktrendite ist, also je schneller der Freibetrag erreicht wird. Dauert es wegen niedriger Marktrenditen zu lange, fressen die höheren Kosten den Steuervorteil auf. Bei einer Anlagesumme von 100.000 Euro und einer angenommenen Marktrendite von 8% p.a. (vor Abzug der Verwaltungskosten) ist der Steuervorteil des Altfonds nach 8 Jahren aufgebraucht, obwohl der Freibetrag erst nach 11 Jahren überschritten wird.

Altfall

Sinkt die durchschnittliche Marktrendite auf 7%, wird der Freibetrag erst nach 13 Jahren überschritten, aber der Steuervorteil des Altfonds besteht für weniger als 3 Jahre. Sinkt die Marktrendite sogar unter 6,7%, so überwiegt der Kostenvorteil des ETF den Steuervorteil des Altfonds vom ersten Tag an.

Bei einer Anlagesumme von 10.000 Euro wird der Freibetrag erst später erreicht. Dasselbe gilt, wenn durch Verteilung des Fonds auf mehrere Personen der summierte Freibetrag angehoben wurde. Allerdings lohnt sich eine längere Haltedauer des Altfonds nur, wenn die Marktrendite sehr hoch oder die Kostendifferenz der Fonds eher niedrig ist. Die nachstehende Tabelle und Grafik geben einen beispielhaften Überblick über die Dauer, bis der Kostenvorteil eines neuen ETF den Steuervorteil eines teuren Altfonds überwiegt. Die Dauer ist jeweils auf ganze Jahre gerundet. Je kleiner die Kostendifferenz der Fonds, desto länger besteht der Steuervorteil des Altfonds. Je größer die Marktrendite, desto länger besteht der Steuervorteil, solange der Freibetrag nicht überschritten wird. Ab Überschreitung des Freibetrags wirkt sich der Kostennachteil voll aus.

Vorteilsdauer

Der Vergleich zeigt, dass im relevanten Bereich der erwarteten Marktrendite von 6-10% p.a. die Streichung des Steuerprivilegs für Altfonds kein großer Verlust für den Anleger ist, wenn er den Fonds durch eine deutlich kostengünstigere Alternative ersetzen kann. All diese vorausschauenden Bewertungen beruhen auf Annahmen und Wahrscheinlichkeiten. Ob sich der Tausch tatsächlich lohnt, weiß man leider erst zum Zeitpunkt des Verkaufs, wenn die tatsächliche Rendite der Fonds bekannt ist.

Am Ende war die Streichung der Steuerersparnis ein Glück für manche Anleger. Ansonsten hätten sie die Kostenstruktur ihres Depots nicht kritisch hinterfragt und auf Dauer eventuell viel Geld verschenkt. Wer noch Altfonds mit hohen Verwaltungskosten von 1,5% oder mehr im Depot hat, sollte einen Ersatz durch Indexfonds mit Kosten von max. 0,3% erwägen, noch bevor die persönlichen Freibeträge ausgeschöpft sind. Aufgrund der Vielzahl der Parameter muss eine konkrete Bewertung für jeden Anleger individuell erfolgen und gelegentlich aktualisiert werden.

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